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Was ist HFI?

Kurzbeschreibung des Faches und seiner Positionierung

 

Die Historische Fachinformatik und Dokumentation beschäftigt sich mit formalen Verfahren im Bereich der historischen Wissenschaften. Einerseits unterstützt sie damit den gesamten Forschungsprozess, von der Dokumentation der Quellen und/oder Phänomene über deren Analyse bis hin zur Darstellung der Gegenstände von Dokumentationen oder der Ergebnisse von Analysen. Andererseits wirkt sie aufgrund ihres grund- und integrativwissenschaftlichen Tätigkeitsfeldes in Theorie, Methode und Anwendung auf die ("historischen") Einzeldisziplinen zurück. Durch die gesellschaftliche Relevanz etwa im Bereich des Wissenstransfers zeichnet sie auch für das Bild der Geschichtswissenschaften in der Öffentlichkeit verantwortlich. Die wichtigsten Werkzeuge bilden Computersysteme - ihr Einsatz bedingt etwa die Entwicklung entsprechender Software, Design und Realisierung komplexer Informations- und Analysesysteme. Durch spezielle Forschungsprozesse und Arbeitstechniken kann so eine neue Qualität historischer bzw. grundwissenschaftlicher Forschung erreicht werden.

1.Informationstechnologie (IT), Neue Medien und deren Anwendungen

Jede einzelne Anwendungswissenschaft wird nur eine solche Leistungsfähigkeit erreichen können, als in ihr Informatik anzutreffen ist. (H. Müller-Merbach, Kant paraphrasierend)
Wenn man nun postulieren wollte, dass dies auch im Bereich der historischen Wissenschaften Geltung habe, und weiter davon ausgegangen werden soll, dass unter historischen Wissenschaften alle jene Disziplinen zu verstehen sind, in denen eine historische Dimension von zentraler Wichtigkeit ist, dann ergibt sich daraus notwendigerweise die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Informatik und der jeweiligen "historischen" Disziplin. Zu deren Beantwortung scheint es am günstigsten, an konkreten Konzepten und deren Anwendung auszuführen, worin der angesprochene Zusammenhang besteht und auf welche Weise er die Leistungsfähigkeit historischer Disziplinen beeinflußt. Zwei wissenschaftliche Dispziplinen beschäftigen sich mit Information an sich und Aspekten ihrer Verarbeitung:
  • Unter Informatik (Computer Science) wird im allgemeinen "die Wissenschaft von der systematischen Verarbeitung von Informationen - insbesondere der automatischen Verarbeitung mit Hilfe von Digitalrechnern" verstanden. Sie beschäftigt sich vor allem mit einer wertfreien (im Sinne von nicht wertenden) formalen Beschreibung und Abstraktion aller jener Vorgänge, die im Zusammenhang mit Informationsverarbeitung am Computer stehen.
  • Im Gegensatz dazu sieht die Informationswissenschaft (Information Science) "die Behandlung von Informationsprozessen und -problemen in Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung" als ihre Hauptaufgabe an. Als "Lehre vom Wissen, das Information schafft" ist sie gezwungen, Information nicht nur (wie die Informatik) zu messen und zu beschreiben, sondern sie zu bewerten.
Was bedeutet das im Einzelnen und welche Auswirkungen hat dies auf verschiedene Domänen, die sich mit Anwendungen von Informationstechnologien auseinandersetzen (müssen)?
1.1 Informatik
Die Informatik als "Wissenschaft vom Computer" beschäftigt sich mit Information im wesentlichen unter nachrichtentechnischen Gesichtspunkten. Information in diesem Sinne kann gemessen werden, kann verzerrt oder auch redundant sein, verloren gehen und vor allem - im Sinne von "Daten" - auf unterschiedlichste Weise verarbeitet werden. Daraus ergeben sich auch die zentralen Inhalte dieser Disziplin: Die theoretischen (also mathematischen und logischen) Grundlagen der Datenverarbeitung, die technischen Probleme im Bereich von Hard- und Software sowie die praktische Seite der Computereinsatzes (angewandte Informatik) in bezug auf Programmierung, Systemdesign und -betrieb, Netzwerktechnik u.v.a.m.
1.2 Informationswissenschaft
Die Informationswissenschaft als "Wissenschaft von der Information" (an sich) beschäftigt sich in der Hauptsache mit dem Wissen, das aus Information resultiert. Daher muß sie Information nicht messen, sondern beurteilen, systematisieren, hinterfragen. Die zentralen Aufgaben umfassen den Bereich der Informationsprozesse, von der Entstehung und Überlieferung der Informationsträger bis hin zur Analyse des Informationsbedürfnisses des Benutzers, oder auch das Gebiet des Informationsmanagements von der Optimierung der Informationsflüsse bis hin zum Aufbau und Betrieb (komplexer) Informationssysteme.
1.3 Die "Bindestrich-Informatiken"
Wo immer die genannten Disziplinen auf Anwendungsbereiche treffen, gestaltet sich das Verhältnis zur fach- oder domänenspezifischen Information und Informationsverarbeitung etwas komplizierter. W. Rauch hat 1987 noch streng zwischen beiden Bereichen unterschieden: Er ordnete die "Bindestrich-Informatiken" (wie Rechtsinformatik, Betriebsinformatik, Medizininformatik etc.) und damit auch die genannten geisteswissenschaftlichen Disziplinen eindeutig der Informatik zu, mit Informationswissenschaft habe all dies vorerst nichts zu tun, denn diese sei die Wissenschaft von der Information, während die Informatik die Wissenschaft vom Computer sei. Der Computer selbst gelte nur als Mittel zur Problemlösung.
Heute erscheint das Bild innerhalb der "Bindestrich-Informatiken" völlig anders, wird doch dort des öfteren diskutiert, wie viel Informatik denn den einzelnen Disziplinen zuträglich sei, wie viel Programmierkenntnisse etwa ihren Repräsentanten zugemutet werden sollte. Kaum eine Diskussion zeigt deutlicher, dass sich die Exponenten der "Bindestrich-Informatiken" im wesentlichen als Informationswissenschaftler sehen, ohne aber ihren Konnex zur angewandten Informatik aufgeben zu können oder zu wollen. Folgt man den Standpunkten von M. Thaller und I. H. Kropač, dass "der Computer" bzw. die darauf ablaufenden formalen Verfahren sehr wohl eine bedeutende Rückwirkung auf die Entwicklungen von Theorien und Methoden in den diversen geisteswissenschaftlichen Disziplinen haben und nicht nur Werkzeug sind, und greift man die Meinung T. Orlandis auf, dass die Verbindung von formalen Verfahren und geisteswissenschaftlicher Methodologie konstitutiv für eine geisteswissenschaftliche Informationsverarbeitung ist, so wird klar, dass dieses neue Fach Elemente beider Bereiche umfassen muss: die der Informationswissenschaft und die der Informatik.
Dies wird durch die Art und Weise, wie FachinformatikerInnen in den Geisteswissenschaften gesehen werden, sowie auch durch ihr Selbstverständnis gestützt. In den einzelnen Domänen können Informatik und Informationswissenschaft nicht so einfach getrennt gesehen werden. Keine Systementwicklung ohne grundlegendes technisches Verständnis, keine Realisierung von Usability-Konzepten ohne grundlegende Kenntnisse des modularen und objekt-orientierten Programmierens, wenn praktische Umsetzungen von konzeptionellen Studien gefordert sind. Es ist die Mittlerposition zwischen der "Hardcore"-Informatik und den einzelnen Domänen, zwischen Technik und Anwendung, zwischen formalen Verfahren und thematisch-inhaltlichen Problemstellungen, die eine(n) FachinformatikerIn ausmacht.
1.4 Die Historische Fachinformatik
Aus dem Gesagten ergibt sich auch die Positionierung eines jungen Faches wie der Informationsverarbeitung in den Geschichtswissenschaften, das - folgt man dem Selbstverständnis vieler "Bindestrich-Informatiken", die längst die pure Anwendung überwunden haben - synonym als "Historische Fachinformatik" bezeichnet werden kann. Es umfasst Bereiche der Informatik genau so wie Bereiche der Informationswissenschaft und verknüpft diese auf transdisziplinäre Weise mit Theorien, Methoden und Arbeitstechniken der Geschichtswissenschaften. Damit überwindet die Disziplin auch den unterstützenden Charakter, der ihr oftmals zugeschrieben wird, und wirkt aufgrund ihres grund- und integrativwissenschaftlichen Tätigkeitsfeldes in Theorie, Methode und Anwendung auf die Einzeldisziplinen zurück. Durch die gesellschaftliche Relevanz etwa im Bereich des Wissenstransfers (Stichwort: Internet, E-Learning) zeichnet sie auch für das Bild der Geschichtswissenschaften in der Öffentlichkeit verantwortlich.
2. Inhalte und Definition

2.1 Geschichte und Computer heute
Wenn heute die Konnotation zwischen Geschichtsforschung und den sogenannten Neuen Medien hergestellt wird, so lautet die erste Assoziation Internet. Das World-Wide-Web ist für Historiker, die Computer für ihre Arbeit verwenden, zum Faszinosum geworden. Zweifelsohne hat das Internet als Medium für Kommunikation und Darstellung dann eine zentrale Bedeutung für die historischen Disziplinen erlangt, wenn Forderungen nach schneller Verfügbarkeit von Ergebnissen, nach kollaborativem Arbeiten oder nach günstigen Preisen für Publikationen eingelöst werden sollen, um nur einige Beispiele zu nennen. Man darf aber über der ganzen Euphorie, die auch einen Teil der Geschichtswissenschaftler ergriffen hat, nicht vergessen, dass die Anwendung von Computern in der Geschichtswissenschaft keinesfalls nur mit Begriffen wie Publikation oder Kommunikation verknüpft ist, sondern - was für die wissenschaftliche Fortentwicklung von wesentlich größerer Bedeutung ist - mit Dokumentation, Analyse und methodischer Innovation.
Weder der Einsatz des Web für die Darstellung geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse jedweder Art noch der Einsatz von Computern an sich verbessern notwendigerweise die Qualität historischer Forschung, selbst wenn beides noch so modern wirkt, ihre Produzenten als vollwertige Mitglieder der heutigen Informationsgesellschaft auszuweisen scheinen oder einfach "hype" und "sexy" sind, um die typische Sprache dieses Bereiches zu bemühen. Wenn die "Neuen Medien" aber nicht nur als Mittel zur bloßen Darstellung, sondern auch als Werkzeug für Analysen oder gar als Katalysatoren zur methodischen Innovation verstanden werden, begeben wir uns auf ein Fachgebiet, das heute unter verschiedenen Namen firmiert, aber im Wesentlichen immer das Gleiche umfasst: eine den diachronen Grundsätzen der historischen Disziplinen folgende "Bindestrich-Informatik", die ihrerseits als Verbindung zwischen "Angewandter Informatik", Informationswissenschaft und den jeweiligen Fachwissenschaften gilt: die Historische Fachinformatik und Dokumentation.
2.2 Definition der HFI
Was versteht man unter Historischer Fachinformatik und Dokumentation? Ein kurzer Einblick in die Genese und das Selbstverständnis dieser Disziplin, die als Hilfswissenschaft der Geschichte, als "Fach" innerhalb der Geschichtsforschung, aber auch als konstitutiver Teil einer übergeordneten "Geisteswissenschaftlichen Fachinformatik" fungiert, soll Antworten auf diese Frage geben.
Auf einer sehr abstrakten Ebene kann die Historische Fachinformatik als Lehre von der formalen Verarbeitung von Informationen aus der und über die Vergangenheit bezeichnet werden. Meist wird sie den Historischen Grund- oder Hilfswissenschaften zugerechnet, wenn sich auch in den letzten Jahren dort, wo ihr die Möglichkeit zur Entfaltung geboten wurde, durchaus eine Annäherung zu anderen "Bindestrich-Informatiken" im geisteswissenschaftlichen Umfeld ergab, speziell zu den philologisch/linguistischen Bereichen. Während der Computereinsatz in der Geschichtsforschung schon sehr weit zurückreicht, aber im Wesentlichen auf isolierte Einzelprojekte beschränkt blieb, entwickelte und konsolidierte sich die Historische Fachinformatik erst in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als der reine Werkzeugcharakter des Computereinsatzes durch theoretische Reflexion und methodische sowie konzeptuelle Entwicklung verdrängt wurde. Dies lässt sich auch an den wichtigsten Aufgabenstellungen erkennen, wie sie sich heute - nach der "Internet-Revolution" - zeigen.
2.3 Wissenschaftliche Grundlagen
Im Bereich der theoretischen Grundlagen der Disziplin wird es notwendig sein, eine geschlossene Theorie über die Abbildungsfunktion zwischen einer historischen Realität und den sie transportierenden Quellen sowie über die Umkehrbarkeit dieser Funktion (weiter) zu entwickeln. Drei wesentliche und miteinander in Beziehung stehende Beispiele seien hierfür genannt. M. Thaller setzte sich vor allem mit der Qualität jener Information auseinander, die uns in Form von Quellenmaterial zur Verfügung steht, und strich besonders deren potentielle Unschärfe heraus, der formal nur unter Berücksichtigung der "Fuzzy Set Theory" beizukommen sei. Darüber hinaus stellte er sehr konkrete Forderungen im Hinblick auf die darauf fußenden Methoden und Arbeitstechniken. Eine dieser Forderungen betrifft die sogenannte Kontextsensitivität, deren Anwendung zum Maßstab genuin fachspezifischer Datenverarbeitung wurde. Diese Positionen aufgreifend schlug I. H. Kropac die Anwendung eines kybernetischen Modells aus den Informationswissenschaften vor, um nicht nur jene Informationsprozesse formal beschreiben zu können, welche in die Entstehung historischer Quellen involviert waren, sondern auch jene, welche die Überlieferung der Quellen und letztlich auch deren Behandlung in einem geschichtswissenschaftlichen Forschungsprozess ausmachen. Dieses Modell ist geeignet, aus ihm schlussendlich eine geschlossene Theorie über einen formalen Forschungsprozess in diachron ausgerichteten Disziplinen abzuleiten und zu entwickeln.
Um eine diachrone Sichtweise von Kommunikation zu gewinnen und die entsprechenden historischen Kognitionsprozesse definieren zu können, wird ein Modell benötigt, das - ausgehend vom "klassischen" Informationsprozess - in der Lage ist, einerseits die Abbildungen selbst und andererseits alle an diesem Prozess Beteiligten zu beschreiben. Ein kybernetischer Ansatz, eingeführt von H. Stachowiak und G. Wersig, sieht den Menschen als offenes System, welches in Austauschprozessen mit seiner Umwelt steht: Dieser "Moles'sche Organismus der Kybiak-Klasse" bildet die Grundlage eines Modells, welches nicht nur die diachrone Abfolge von Perzeptionen beschreiben kann. Es hilft auch die Begriffsbildung durch eine Generalisierung von Perzeptionsobjekten über den Wissenserwerb zu definieren, welcher durch Strukturierung von Perzeptionsklassen erfolgt, bis hin zum Begriff eines zeitgebundenen Denkens und Lernens. Die Folgerungen aus einem Schema dieser Art, welches Informationen aus der und über die Vergangenheit unterscheidet, sind nicht weniger radikal als dessen Ansätze: In letzter Konsequenz sind Aussagen über eine historische Realwelt nicht beweisbar, was wiederum impliziert, dass Geschichte keine exakte Wissenschaft sein kann, aber durchaus in der Lage sein sollte, sich exakter wissenschaftlicher Methoden zu bedienen, um ihre Erkenntnisse auf intersubjektive Weise einer fiktiven (Individualisierung einer) Realwelt asymptotisch anzunähern.
Nimmt man die Konsequenzen aus derartigen Überlegungen ernst, so wird es notwendig sein, weitere theoretische und methodische Vorstellungen darüber zu entwickeln, auf welche Weise Quellen formal, also strukturiert zu dokumentieren sind und wie dieser Prozess transparent und nachvollziehbar gemacht werden kann. Daraus ergibt sich zwangsläufig die Forderung zur Entwicklung einer "formalen Quellenkunde", welche die Informationsträger nicht nur nach Gattungs- oder Sachbegriff, sondern nach deren immanenten Informationsstrukturen einteilt und beschreibt, sowie auch einer "formalen Quellenkritik", welche diese Informationsstrukturen, aber auch Informationsgehalte und Informationsdichte als Voraussetzung für die prozessorientierte Feststellung des Quellenwertes nutzt. Dies impliziert wiederum iterative Forschungsprozesse, um letztendlich das Fernziel, die asymptotische Annäherung an eine (möglicherweise fiktive) historische Realität und deren Erklärung nicht nur zu erreichen, sondern diesen Weg im Sinne der Wissenschaftlichkeit offen, nachvollziehbar, reproduzierbar und gegebenenfalls auch korrigierbar zu gestalten. Dabei spielen der Computer bzw. die "Neuen Medien" sowohl als Werkzeug als auch als Transportmittel eine wesentliche Rolle.
3. Aufgaben

3.1 Aufgabengebiete der HFI
Aus ehrgeizigen Zielen dieser Art ergeben sich wiederum weitere Aufgaben für die Historische Fachinformatik und Dokumentation in den Bereichen Konzeption und Entwicklung. Dazu zählen im Wesentlichen zwei Gebiete: Zum einen die Weiterentwicklung eines geschichtswissenschaftlichen Informationssystems, von der Systemanalyse und -planung bis hin zum Knowledge Engineering, und zum anderen die Entwicklung der geeigneten Softwarelösungen, von der Erarbeitung der theoretischen Grundlagen bis zur Implementation des fertigen Produktes. Eine hybride Form, die sowohl ein geeignetes Softwarepaket als auch das entsprechende historische Hintergrundwissen konzeptuell und real vereinigte, ist unter dem Begriff Historical Workstation bekannt geworden, ihre Weiterentwicklung scheint derzeit jedoch auf einige Teilbereiche beschränkt zu sein. Ansätze der eben genannten Art auf transdisziplinärer Basis, auch innerhalb der Geisteswissenschaften, mit den heutigen Möglichkeiten der Interaktion und Kommunikation über das Internet in ganzheitlicher Weise wieder aufzunehmen, sollte ein zentrales Anliegen das Faches sein.
Neben den beispielhaft genannten Aufgabenstellungen in der Forschung darf aber auch der didaktische Bereich nicht übersehen werden. Dieser umfasst nicht nur die Umsetzung der oben beschriebenen Aufgaben in der "forschungsgeleiteten Lehre", also die Ausbildung von Studierenden im Fach selbst, sondern erfordert weiter reichende Beschäftigungen mit neueren Ansätzen wie etwa dem sogenannten E-Learning, aber auch trivialerweise die Unterstützung der traditionellen Studiengänge in Bezug auf Arbeitstechnik und Heuristik: Angesichts der Tatsache, dass ein erheblicher Prozentsatz der fachwissenschaftlichen Informationsbasis heute nur noch in digitaler Form über "Neue Medien" zugänglich ist und sich dieser Prozentsatz in Zukunft mit Sicherheit erhöhen wird, ergibt sich ein erweitertes Anforderungsprofil an einführende Lehrveranstaltungen, sowohl was die bloßen Arbeitstechniken als auch was die heuristischen Strategien betrifft. Dass Planungs- und begleitende Beratungstätigkeiten von inhaltlich-thematisch ausgerichteten Forschungsprojekten auch zum Aufgabengebiet der Historischen Fachinformatik gehören, sobald Informationstechnologien angewandt werden, ist mittlerweile fast selbstverständlich geworden.
3.2 Von der Theorie zur gesellschaftlichen Relevanz
Jede Disziplin hat für ihre Einbettung in die allgemeine Wissenschaftstheorie zu sorgen, Theorien im eigenen Fach zu formulieren und entsprechende Methoden daraus abzuleiten. Die Arbeitstechniken werden im vorliegenden Zusammenhang wesentlich vom wohl meist verwendeten Werkzeug bestimmt, dem Computer; das Feedback dieser Techniken auf Theorie- und Methodenentwicklung wurde bereits angesprochen. Dementsprechend hat sich auch die Forschung auf alle drei Bereiche zu konzentrieren.
Auf dem Gebiet der Theorie wird der Schwerpunkt auf den möglichen Abbildungsfunktionen und deren Umkehrbarkeit zwischen den zu erforschenden Phänomenen (phänomenorientierter Ansatz), den Informationsträgern, auf welchen sich die genannten Phänomene oder Teile von ihnen (von konkreten "Belegen" bis hin zu abstrakten Begriffssystemen) manifestieren (medialer Ansatz), sowie den (digitalen) Systemen, welche in der Lage sind, Phänomene und/oder Informationsträger abzubilden (systemorientierer Ansatz), liegen. Letztere bilden in der Regel jene (digitale) Repräsentationsform, die Wissen über die Phänomene und/oder die Informationsträger beinhaltet, einen Mehrwert für den Wissenserwerb im Sinne geisteswissenschaftlicher Forschung leistet und wiederum als Medium des Wissenstransfers innerhalb und außerhalb der "Grenzen" der Geisteswissenschaften Verwendung findet. Dass damit virtuelle Räume geschaffen werden, ist evident - aber sind nicht alle geisteswissenschaftliche Erklärungsmodelle in letzter Konsequenz virtuell? Theorien und Erkenntnisse der Kognitiven Psychologie, der Kybernetik, der Informations- und Dokumentationswissenschaft werden eine wesentliche Rolle zu spielen haben, wenn es gilt, eine Theorie über formale Systeme und Prozesse in der geisteswissenschaftlichen Forschung zu entwickeln.
Im methodischen Bereich ist es vordringlichstes Ziel, die Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Korrigierbarkeit des Forschungsprozesses durch die Formalisierung und größtmögliche Automatisierung einzelner Arbeitsschritte auf der Basis von Regelsystemen zu gewährleisten. Dass damit das naturwissenschaftliche Experiment nicht erreicht werden kann, ist offensichtlich; dennoch ist es bedeutend, Wissenschaftlichkeit nicht ausschließlich dem Genie zu überlassen und ihm zu glauben, sondern die Erkenntnisprozesse intersubjektiv überprüfbar zu machen, weit über das übliche System des Zitierens hinaus. Damit wird aus dem virtuellen Raum ein Konstrukt mit einer nachvollziehbaren Genese, soweit es die Umkehr der genannten Abbildungsprozesse zulässt. Die tatsächliche Umsetzung von Wissensakquisition durch geeignete Analysemethoden auf formaler Ebene sowie des Wissenstransfers über geeignete domänenspezifische Informationssysteme muss Ziel einer solchen Methodenentwicklung sein, die ohne kritische Übernahmen aus dem Methodenarsenal der Informatik nicht möglich ist.
Das Gebiet der eigentlichen Arbeitstechnik wird weitgehend von den so treffend "computer literacy" genannten Fertigkeiten bestimmt. Dazu zählt mehr als der Umgang mit Anwendungen, etwa aus dem Bereich der Büroautomation. Von der Anwendung von Modellen wie dem "document object model" über die Verwendung von Auszeichnungssprachen wie SGML oder XML bis hin zum Umgang mit höheren Programmiersprachen reicht hier das Aufgabengebiet. Vorrangiges Ziel auf diesem stetiger Veränderung unterworfenem Gebiet wird es sein, die Entwicklungen zu beobachten, in die eigenen Projekte zu integrieren und für die Lehre aufzubereiten.
Neben den genannten grundlegenden Arbeitsfeldern gilt es, ständig deren Relevanz hinsichtlich der Gesellschaft im allgemeinen und der Geisteswissenschaften im besonderen zu evaluieren sowie zu den genuinen Problemen, die sich entlang dieser Felder anlagern, Stellung zu nehmen. Dazu zählen die sich wandelnde Rolle von Informations- und Wissensmanagement ebenso wie die Auseinandersetzung mit Urheber- und Verwertungsrechten und deren Auswirkungen auf eine Gesellschafts- und in der Folge auch Wissenschaftsform, die - je nach Sichtweise - gerne als Informations- oder Wissensgesellschaft bezeichnet wird. Jene Konfusion, die aus der Verquickung (oder besser Verwechslung) von Medien mit den darauf transportierten Inhalten resultiert, auch in der Öffentlichkeit aufzuklären und pointierte Standpunkte zu beziehen, muss als ein wesentliches Vorhaben gelten, weil davon sämtliche konkreten Projekte betroffen sind.
3.3 Die Rolle der FachinformatikerInnen
Die Rolle der FachinformatikerInnen in den Geisteswissenschaften im Allgemeinen und auf dem Gebiet der Geschichtsforschung im Besonderen ist umfassend, schwierig und herausfordernd zugleich. Diese Gruppe soll nicht nur in den Bereichen der Angewandten Informatik und der Informationswissenschaften ausgewiesen sein, sondern natürlich auch in ihren genuinen Fachgebieten. FachinformatikerInnen müssen theoretische Überlegungen anstellen und diese methodisch umsetzen können, unter selbstverständlicher Nutzung von Techniken und Technologien, die sich stetig und rapide ändern. Ebenso selbstverständlich sollen sie Entwickler und Anwender in einer Person sein, Internet-Spezialisten in der Nutzung des Mediums und in der Entwicklung web-basierter Systeme statischer und dynamischer Natur. Fehlt auch nur eine dieser Kompetenzen, so wird dies durchaus als Defizit gewertet.
Ähnliche Entwicklungen und Sichtweisen lassen sich auch in anderen Bereichen ausmachen, wo computergestützte Verfahren jenseits der Publikationstätigkeit zum Einsatz kommen. Die längste Tradition in diesem Zusammenhang kann mit Sicherheit die "Sprachliche Informationsverarbeitung" aufweisen, die sich heute - zumindest im deutschen Sprachraum - in Computerlinguistik und Computerphilologie aufgespalten hat; Ähnliches gilt auch für den anglo-amerikanischen Raum. Als eine der jüngeren Entwicklungen kann der noch etwas diffuse Bereich des sogenannten "E-Learning" angesehen werden, wo interaktive Systeme zur Qualitätssteigerung oder zumindest für eine Qualitätsänderung der Lehre eingesetzt werden, auf akademischem Boden etwa mit dem ehrgeizigen Ziel, "virtuelle Universitäten" zu schaffen; hier fließen didaktische Ansätze und die Anwendung von Informationstechniken zusammen.
4. Zusammenfassung

Die "Historische Fachinformatik und Dokumentation" ist eine eigenständige Disziplin mit spezifischen theoretischen Grundlagen, Methoden, Arbeitstechniken und Aufgabenstellungen.

4.1 Definition:
Lehre von der formalen Verarbeitung von Nachrichten aus der Vergangenheit und Informationen über die Vergangenheit.
4.2 Ausrichtung:
Eigene Disziplin im Rahmen der geisteswissenschaftlichen Fachinformatik bzw. Informationsverarbeitung, Historische Grundwissenschaft mit transdiziplinärem Ansatz, domänenspezifische Integration von Aspekten der Informatik und Informationswissenschaft mit transdisziplinärer Ausrichtung.
4.3 Theoretischer und methodischer Bereich:
  • Theorie über die Abbildungsfunktion zwischen einer (fiktiven) historischen Realität und der sie transportierenden Informationsträgern
  • Theorie über die Umkehrbarkeit dieser Funktion
  • Formale Quellenkunde
  • Formale Quellenkritik
  • Formale Quellenanalyse
4.4 Konzeption und Entwicklung:
  • (Weiter-)Entwicklung des geschichtswissenschaftlichen Informationssystems (Systemanalyse und -planung bis zum Knowledge-Engineering)
  • (Weiter-)Entwicklung von Implementationen ("Historical Workstation") anhand heute üblicher Server-Client-Architekturen
  • Dokumentation durch formal fassbare Forschungsprozesse (iterativ, formalisierbar, automatisierbar, nachvollziehbar, korrigierbar)
  • Prozeßorientierte Ansätze
  • Zertifizierte Serversysteme mit langfristig verfügbaren Ressourcen
4.5 Didaktischer Bereich:
  • Expert-to-Expert Wissenstransfer
  • Expert-to-Non-Expert Wissensttransfer
  • E-Learning (Entwicklung und Inhalte)